Neue Form des Mobbings und ein Gesetz gegen Cyberbullying!

Wohin?

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Die Zunahme der Attacken im Internet, landläufig als Cyberbullying zu recht beschrieben, wird auch vom deutschen Ärzteblatt mit zunehmender Sorge betrachtet. „Cyberbullying ist bisher noch kaum ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen und wurde auch seitens der Wissenschaft noch wenig untersucht. In jüngerer Zeit steigt jedoch die Zahl wissenschaftlicher Forschungen und populärwissenschaftlicher Publikationen sprunghaft an, was darauf hoffen lässt, dass bald mehr und fundiertere Erkenntnisse als bisher zur Verfügung stehen“.(1)

Mein Büro, oder wenn man am Arbeitsplatz bespitzelt wird

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In dem sehr informativen Artikel wird nochmals der berühmte Selbstmordfall aus den USA aufgeriffen, bei dem sich nach Cybermobbingattacken durch eine 49- jährige Mutter eine 13 Jährige mit einem Ledergürtel in ihrem Zimmer erhängt hat. >>Das Mädchen war tief verunsichert und einsam, es hatte Komplexe, litt unter Übergewicht, ADHS und Depressionen und war in psychiatrischer Behandlung. Es hungerte nach sozialer Anerkennung und sehnte sich nach einem Freund – der Internetkontakt mit Josh, der sich zunächst sehr interessiert an ihr zeigte und ihr Komplimente machte, kam da wie gerufen. Doch dann veränderte sich der Ton: Josh begann, das Mädchen zu beschimpfen und schickte verunglimpfende E-Mails an ihre Freunde. Schließlich schrieb er: „Du bist ein widerwärtiger Mensch. Alle hassen dich. (…) Die Welt wäre ein besserer Ort ohne dich.“ Wenige Stunden nach diesem Eintrag fand die Mutter das Mädchen tot in seinem Zimmer.<< (1)

Aufschrei im Land der Arbeit

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Und man hört und staune, die Politiker in dem betroffenen Bundesstaat haben es nicht bei „Reden und Erklärungen“ belassen, sondern das erste Anticybermobbinggesetz der Welt verabschiedet. Unseren Politikern ist es nicht einmal bis heute gelungen, überhaupt so was wie ein Gesetz zu beraten oder in Erwägung zu ziehen.

>>Inzwischen hat die öffentliche Empörung über den Fall aber dazu geführt, dass der US-Bundesstaat Missouri das erste Gesetz gegen „Cyberbullying“ (auch: Cybermobbing) erlassen hat. Dieses Gesetz könnte Vorbild für viele weitere Gesetze – vielleicht auch in Deutschland – werden, die mittlerweile dringend nötig wären, denn Cyberbullying (absichtliches Schikanieren mittels moderner Kommunikationstechnologien) greift immer mehr um sich, vor allem in Schulen, aber auch in der Arbeitswelt“.<< So etwas nennt man Handeln.

Man kann nur hoffen, dass über die EU auch für Deutschland ein Gesetz gegen Cybermobbing oder – bullying zur Geltung kommt, nun ist Brüssel gefragt.

1) http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=66330

Der vollständige Artikel:

„Sonnenmoser, Marion
Cyberbullying: Mobbing im Netz
WISSENSCHAFT

Immer häufiger werden Menschen auch im Internet bloßgestellt und diffamiert. Die neue Form des Mobbings ist bisher noch kaum in das öffentliche Bewusstsein vorgedrungen.

Ein Gerichtsprozess erregte im Sommer 2008 weltweites Aufsehen: Angeklagt war eine 49 Jahre alte US-Amerikanerin, die sich auf der Internetplattform MySpace als junger Mann namens „Josh“ ausgegeben hatte. Sie hatte Kontakt zu einem 13-jährigen Mädchen aufgenommen, mit dem ihre Tochter befreundet war und das in der Nachbarschaft lebte. Das Mädchen war tief verunsichert und einsam, es hatte Komplexe, litt unter Übergewicht, ADHS und Depressionen und war in psychiatrischer Behandlung. Es hungerte nach sozialer Anerkennung und sehnte sich nach einem Freund – der Internetkontakt mit Josh, der sich zunächst sehr interessiert an ihr zeigte und ihr Komplimente machte, kam da wie gerufen. Doch dann veränderte sich der Ton: Josh begann, das Mädchen zu beschimpfen und schickte verunglimpfende E-Mails an ihre Freunde. Schließlich schrieb er: „Du bist ein widerwärtiger Mensch. Alle hassen dich. (…) Die Welt wäre ein besserer Ort ohne dich.“ Wenige Stunden nach diesem Eintrag fand die Mutter das Mädchen tot in seinem Zimmer. Es hatte sich mit einem Gürtel erhängt. Obwohl die Täterin und etliche Mittäter sofort sämtliche Spuren im Internet beseitigten und die Vorwürfe abstritten, kam alles heraus. Die Täter wurden wegen Missbrauchs des Internets und Verschwörung angeklagt und im Herbst 2008 lediglich „geringfügiger Vergehen“ für schuldig befunden. Obwohl sie heimtückisch gehandelt und ein labiles Mädchen in den Selbstmord getrieben hatten, konnten sie nicht wegen Verschwörung verurteilt werden, weil dem zuständigen Gericht damals die rechtlichen Grundlagen fehlten. Inzwischen hat die öffentliche Empörung über den Fall aber dazu geführt, dass der US-Bundesstaat Missouri das erste Gesetz gegen „Cyberbullying“ (auch: Cybermobbing) erlassen hat.

Dieses Gesetz könnte Vorbild für viele weitere Gesetze – vielleicht auch in Deutschland – werden, die mittlerweile dringend nötig wären, denn Cyberbullying (absichtliches Schikanieren mittels moderner Kommunikationstechnologien) greift immer mehr um sich, vor allem in Schulen, aber auch in der Arbeitswelt. So berichten beispielsweise australische Psychologinnen, dass etwa jeder zehnte Berufstätige schon mindestens einmal per Handy oder Internet beleidigt oder diffamiert wurde. Niederländische Psychologen gehen davon aus, dass mindestens 15 Prozent der Schüler Täter und mindestens 20 Prozent der Schüler Opfer von Cyberbullying waren beziehungsweise aktuell sind.

Cyberbullying hat vieles mit herkömmlichem (direktem) Bullying beziehungsweise Mobbing gemein:

– Die Täter wollen ihre Opfer bloßstellen, einschüchtern, kränken, demoralisieren und beleidigen. Ursachen sind unter anderem Rachegefühle, Übermut, dissoziale Veranlagung, erhöhte Aggressivität und Langeweile. Die Täter sind jedoch keine Außenseiter, sondern sind oft angesehen und beliebt (gefürchtet) und wollen andere mit ihrem Verhalten beeindrucken, um eine vordere Position in der Gruppenhierarchie einzunehmen. Meistens begehen sie ihre Taten nicht allein und heimlich, sondern es gibt Mittäter, Mitläufer und Zeugen, die sich aber nicht einmischen.

– Die Opfer sind oft schüchterne und nicht besonders angesehene oder beliebte Schüler. Sie sind häufig körperlich schwach, haben nur wenige oder keine Freunde und können sich kaum wehren oder durchsetzen. Da sie auf der untersten Position in der „Hackordnung“ stehen, müssen sie oft als Prügelknaben und Sündenböcke herhalten.

– Die Täter schikanieren sowohl direkt als auch per Kommunikationsmedien. Die Opfer von herkömmlichem Bullying werden meist auch Opfer von Cyberbullying.

– Die Opfer behalten die Angriffe meistens für sich und vertrauen sich höchstens Freunden, nicht aber Eltern oder Lehrern an.

– Viele Eltern haben keine Ahnung, dass es Bullying und Cyberbullying gibt und dass ihr Kind betroffen sein könnte. Sie unterschätzen das Ausmaß von Bullying und Cyberbullying, kennen sich mit den Formen, Methoden und Medien nicht aus und ahnen nicht, wie grausam Kinder und Jugendliche untereinander sein können.

– Die Opfer leiden unter Kränkungen, vermindertem Selbstwertgefühl, Schuldgefühlen, sozialer Isolation, Ängsten und Depressionen. Viele begehen Selbstmordversuche oder werden in den Selbstmord getrieben. Vor Kurzem gab es in Südkorea sogar eine regelrechte Selbstmordwelle, die durch Internethetze ausgelöst worden war.

Es gibt Unterschiede in der Vorgehensweise
Unterschiede zwischen herkömmlichem Bullying und Cyberbullying gibt es beispielsweise in der Vorgehensweise: Während Bullying meist in einer realen Begegnung stattfindet, ist Cyberbullying in der Regel indirekt, also nicht von Angesicht zu Angesicht und wird nur über Medien vermittelt. Im Gegensatz zum Bullying verändern und vergrößern sich die Schikanemöglichkeiten durch Cyberbullying einfach, rasant und kontinuierlich, da auch die eingesetzten Medien an Zahl und Optionen zunehmen. Zudem sind die Schikanen beim Cyberbullying oft perfider, manchmal geradezu abstrus, und nehmen immer wieder bislang nicht gekannte Dimensionen an; der kriminellen Fantasie scheinen dabei kaum Grenzen gesetzt zu sein. Beispielsweise werden per Handy, Chat oder E-Mail Gerüchte gestreut, es werden anonyme Drohungen verbreitet (zum Beispiel Anschläge, Mord, Amokläufe), oder Mitschüler und Lehrer werden in peinlichen oder intimen Situationen (zum Beispiel unter der Dusche) per Handy fotografiert beziehungsweise gefilmt, und kurze Zeit später sind die kompromittierenden Filme oder Fotos im Internet zu sehen. Skandinavische Psychologen berichten, dass Opfer Fotos, Videoclips und Filme im Internet als unangenehmste und schlimmste Form der Cyberschikane empfinden. Darüber hinaus gibt es noch viele weitere Formen des Cyberbullying, beispielsweise Beschimpfungen in Chatrooms, Schikane durch Internetseiten, SMS oder Anrufe mit beleidigenden Inhalten sowie Weitergabe von persönlichen Informationen an Fremde.

Cyberbullying bietet Tätern die Möglichkeit, sich anonym zu betätigen. Auf diese Weise werden auch Personen zu Tätern, die sich nicht trauen, offen gegen jemanden vorzugehen. Da das Opfer manchmal lange nicht weiß, wer sich hinter den Angriffen verbirgt, vermutet es bald hinter jeder Person den Täter und wird auch unschuldigen Personen gegenüber misstrauisch. Zudem kann es sich nicht gezielt mit dem Täter auseinandersetzen. Da die Täter nicht mit eigenen Augen sehen, wie ihre Attacken auf das Opfer wirken, entwickeln sie kein Gefühl dafür, wann es „genug“ ist oder sie ihr Ziel erreicht haben. „Zudem wirkt Anonymität enthemmend“, meint die Schulpsychologin Kimberley Mason von der Cleveland State University. Aus diesen Gründen sind Angriffe über Kommunikationsmedien oft besonders lang andauernd und brutal. Im Gegensatz zum Bullying gibt es beim Cyberbullying oft keine Zeugen. Während es sich beim Bullying meist um zeitlich befristete Angriffe handelt, können Inhalte im Internet über Jahre hinweg von jedermann abgerufen werden und sind kaum zu löschen. Und selbst wenn es gelingt, die Inhalte entfernen zu lassen, ist nicht garantiert, dass nicht irgendjemand die Inhalte gespeichert hat und sie an anderer Stelle wieder ins Internet einstellt.

Die Opfer reagieren auf die Angriffe nicht immer gleich
Opfer von Cyberbullying werden eher als Bullyingopfer aus Rache und Vergeltungswunsch selbst zu Tätern, da ihnen Cyberbullying das Zurückschlagen auf derselben Ebene erlaubt und sie sich nicht direkt mit dem Gegner konfrontieren müssen. Im Gegensatz zum Bullying bemerken Opfer von Cyberbullying nicht immer gleich, manchmal sogar erst sehr spät, dass ein Angriff gegen sie erfolgt ist. Das ist vor allem der Fall, wenn Material nicht direkt an das Opfer gerichtet wurde. Manchmal erfahren Opfer davon erst durch ablehnende Reaktionen von Mitschülern oder durch einen Tipp. Opfer von Cyberbullying haben im Vergleich zu Bullyingopfern das Gefühl, nicht nur von einigen Mitschülern, sondern gleich „von der ganzen Welt“ ausgelacht, bloßgestellt und isoliert zu werden. Die sozialen Auswirkungen können daher ungleich verheerender sein als beim Bullying. Während sich Bullying oft auf die Schule beschränkt, gibt es vor Cyberbullying kein Entkommen, denn es ist allgegenwärtig und verfolgt die Opfer auch zu Hause.

Auf die Angriffe reagieren die Opfer von Cyberbullying recht unterschiedlich. Einige schweigen und verzichten darauf, Lehrer und Eltern einzuweihen, um diese nicht auf Konflikte mit Mitschülern und kompromittierende Internetseiten aufmerksam zu machen. Manche Opfer empfinden Cyberbullying als harmloser als Bullying, halten die Attacken für einen „dummen Scherz“ und ignorieren die Angriffe. Einige ärgern sich und wehren sich aktiv, indem sie ebenfalls Bullying betreiben, ihre E-Mails nicht mehr abrufen, SMS und Telefonate nicht annehmen und den Zugang zu ihren Internetseiten sperren. Andere wenden sich an den Internetbetreiber oder ihre Eltern. Wieder andere ziehen sich völlig zurück, werden misstrauisch, lassen in der Schule nach und verlieren den Lebensmut.

Cyberbullying ist bisher noch kaum ins öffentliche Bewusstsein vorgedrungen und wurde auch seitens der Wissenschaft noch wenig untersucht. In jüngerer Zeit steigt jedoch die Zahl wissenschaftlicher Forschungen und populärwissenschaftlicher Publikationen sprunghaft an, was darauf hoffen lässt, dass bald mehr und fundiertere Erkenntnisse als bisher zur Verfügung stehen. Momentan liegen noch keine evaluierten Präventions- oder Interventionsprogramme vor. Den Empfehlungen und Ratschlägen von Experten ist jedoch zu entnehmen, dass Cyberbullying nur mit einer konzertierten Aktion beizukommen ist, an der Schüler, Eltern, Lehrer, Schulen, Psychologen, Medienexperten, Justiz, Politik und Internetbetreiber beteiligt werden müssen.
Dr. phil. Marion Sonnenmoser

@Literatur im Internet:
www.aerzteblatt.de/pp/1009

http://www.aerzteblatt.de/v4/archiv/artikel.asp?id=66330

Letzte Änderung am 04.10.2015

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